Hybride Teams. So gelingt uns das Führen in der neuen Arbeitswelt.

Die hybride Kombination von traditionellen und digitalen Arbeitsformen stellt Führungskräfte vor neue Fragen. Vorausdenkende Unternehmen nutzen ihre Erkenntnisse und Erfahrungen aus den letzten Jahren und ermöglichen neue Arbeitsmodelle, um bestehende Mitarbeitende und die neue Generation von Digital Natives für sich zu gewinnen und zu halten. Wie trimmen wir uns fit für die «neue» Arbeitswelt? Und wie gelingt es uns, ein kooperatives und produktives Team aufzubauen, zu stärken und zu führen? Lorenz Ramseyer, Remote Work Consultant, Coach, Dozent und Keynotespeaker gibt uns in diesem Interview wertvolle Tipps, wie uns das gelingt.

Die neue Arbeitswelt verlangt von uns neue Fähigkeiten und Verhaltensweisen. Welche Skills sind bei Führungskräften und Mitarbeitenden gefragt?

Viele Unternehmen haben während der Pandemie gute Erfahrungen mit Homeoffice gemacht. Mitarbeitende waren oft produktiver und haben zurückgemeldet, dass sich ihre Work-Life-Balance durch den Wegfall des Pendelns stark verbessert hat. Allerdings hat man auch festgestellt, dass von Vorgesetzten oft versucht wurde, das klassische Büro 1:1 mit Präsenzzeiten ins virtuelle Setting zu kopieren. Das funktioniert nicht. Der Unterschied von Remote Work zu Präsenz im Büro liegt vor allem darin, dass in der neuen Arbeitswelt unabhängig von Ort und Zeit gearbeitet werden kann. Vieles wird asynchron gemacht und es erübrigt sich oft, dass alle zur gleichen Zeit präsent sind. 

Damit dies gelingt, sind eine Reihe von Skills nötig. Führungskräfte müssen lernen loszulassen und Vertrauen zu ihren Mitarbeitenden aufzubauen, auch wenn sie sich physisch nicht begegnen. Top-Führungskräfte von Remote-Teams überzeugen mit Empathie, Vertrauen und guten Kommunikations-Skills. Sie schaffen die nötige psychologische Sicherheit, damit Mitarbeitende auch remote bestens performen können. Remote-Mitarbeitende sollten idealerweise Stärken in der Kommunikation, dem Problemlösungsverhalten und der Selbstführung aufweisen.

«Top-Führungskräfte von Remote-Teams überzeugen mit Empathie, Vertrauen und guten Kommunikations-Skills.»

Lorenz Ramseyer,

Remote Work Consultant

Welche hybriden Arbeitsmodelle gibt es und welche werden noch auf uns zu kommen?

Das Modell des hybriden Arbeitsplatzes ist ein Mix von Arbeitsumgebungen, der die Aspekte der Fernarbeit und der Arbeit im Büro miteinander verbindet. In einem typischen hybriden Arbeitsplatz haben einige oder alle Mitarbeitende die Freiheit zu wählen, wo und wann sie arbeiten, wobei sie ihre Zeit zwischen Homeoffice und der Arbeit in einem (zentralen) Büro aufteilen können (wework, 2021 – What is the hybrid workplace model? – Ideas ). 

Dazu habe ich für eine Vorstudie der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ, 2022 – Remote Work – Chancen und Herausforderungen von Hybrid Work in Schweizer Unternehmen) ein Hybrid-Arbeitsmodell entwickelt, das fünf verschiedene Stufen aufweist: Büro – Büro Fokus – Homeoffice Fokus – Remote Fokus – Remote.

Die beiden Extrem-Formen Büro und Remote werden durch drei Blending-Zwischenstufen ergänzt. Grundsätzlich zeigt sich in der Schweiz eine grosse Beliebtheit des Modells Büro Fokus 40/60, das heisst drei Tage im Büro und zwei Tage Homeoffice.

Diese hybride Form hilft unter anderem, sich während der Remote-Phasen auf eine Aufgabe fokussieren zu können und damit Multitasking und Content-Switching zu vermindern. Das Büro wird zum Ort, um die Arbeitskolleg*innen zu treffen und sich persönlich auszutauschen.

«Das Büro wird zum Ort, um Arbeitskolleg*innen zu treffen und sich persönlich auszutauschen.»

Lorenz Ramseyer,

Remote Work Consultant

Welches sind die strategischen und organisatorischen Voraussetzungen, die zur Führung von hybriden Teams benötigt werden?

Mitarbeitende eines Remote-Teams sollten sich untereinander absprechen, wann und wo sie arbeiten. Sie teilen Dokumente wann immer möglich offen und transparent untereinander. Alle sorgen für persönliche Begegnungen und halten einander auf dem Laufenden (Flurfunk).

 

Welches sind die Erfolgsfaktoren für eine erfolgreiche digitale Kooperation und was ist essenziell beim Managen von hybriden Teams?

Vertrauen, Autonomie und Kommunikation. Beim hybriden Arbeiten geht es mehr um die Ergebnisse als um die Anstrengungen. Bei der Rekrutierung: Mitarbeitende eines hybriden Teams müssen stärker als traditionelle Arbeitnehmende dazu in der Lage sein, sich selbst zu führen und zu motivieren.

«Mitarbeitende eines hybriden Teams müssen stärker als traditionelle Arbeitnehmende dazu in der Lage sein, sich selbst zu führen und zu motivieren.»

Lorenz Ramseyer,

Remote Work Consultant

Wie können wir eine Kultur des Vertrauens schaffen und die Unternehmenskultur auch in hybriden Teams stärken?

Workations an schönen Orten können helfen, eine gute Unternehmenskultur aufzubauen und sich auf der persönlichen Ebene besser kennen zu lernen. Dazwischen ist es sehr zu empfehlen, regelmässige virtuelle Teambuildings durchzuführen (z.B. Zopf backen und dann an einem virtuellen Frühstück gemeinsam zu verspeisen oder online zusammen zu spielen).

 

Was ist mit Workation gemeint?

Workation bedeutet die Verschmelzung von Arbeit und Ferien – Work (Arbeit) und Vacation (Ferien). Menschen reisen dafür an einen schönen Ort und arbeiten, während dem sie gleichzeitig Ferien machen. Die Entwicklung ist eng mit der Digitalisierung verbunden und ein Trend, der sich durch die guten Remote-Work-Erfahrungen während der Pandemie immer weiter durchsetzt.

 

Kannst du uns Tools empfehlen, die wir für die digitale Kooperation und virtuelle Meetings nutzen können?

Die meisten von uns haben nach der Pandemie bereits viel Erfahrung mit Zoom oder MS Teams sammeln können. Gute Alternativen zu den bekannten Videokonferenz-Klassikern sind Wonder » Host Virtual Events that Leave You Energized (Diskussionen in Kreisen), gather.town (Retro Game Look mit Avataren) oder Jitsi (Open Source auch zum selber hosten in der Cloud). 

Slack ist eine bewährte Lösung für die Remote-Kommunikation und -Zusammenarbeit und dient als E-Mail-Ersatz. Eine gute Alternative dazu ist Rocket.Chat. Das Open Source Tool kann alles, was Slack auch kann, aber ohne Daten preiszugeben. Rocket.Chat kann relativ einfach auf einem eigenen Cloudserver betrieben werden.

Für virtuelle Workshops setze ich am liebsten das kostenlose Onlinetool Padlet ein. Damit kann in Gruppen fast wie mit Post-It Zetteln gearbeitet werden. Eine einfache Open Source Variante dazu ist Scrumblr.

 

Welche «Take Home Message» möchtest du uns mitgeben für den Start in die neue Arbeitswelt?

Es gibt kein Hybrid Work-Modell, das für alle Mitarbeitenden einer Firma auf Anhieb passt. Wichtig ist, dass man sich im Team abspricht und bereit ist, mit verschiedenen Modellen zu experimentieren. Teams mit einer guten Fehlerkultur können damit individuelle Lösungen finden, die für alle stimmen. Vorgesetzte müssen bereit sein, Macht abzugeben und ihren Mitarbeitenden zu vertrauen, auch wenn sie ihre Leute nicht sehen. Asynchrones Arbeiten sollte dabei im Zentrum stehen und regelmässige Workations sorgen dafür, dass sich Teammitglieder auf der persönlichen Ebene besser kennen lernen und die Motivation an ihrer Arbeit behalten.

 

Über Lorenz:

Lorenz ist Remote Work Consultant und unterstützt Unternehmen in der remote Work Transformation mit dem Schwerpunkt digitale Kooperation. Er ist Gründer der Plattformen und Netzwerke Digitale Nomaden Schweiz , Remote Work Jobs Switzerland und Coliving Switzerland. Seit 2016 ist er Präsident des Vereins Digitale Nomaden Schweiz. Mit seiner Agentur für digitales Arbeiten BERGSPITZ media hilft er Teams erfolgreicher zu werden. Erfahre mehr über Lorenz Ramseyer unter lorenzramseyer.ch

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